Von der Lanparty zu Leechparty

Sebastian Werner a.k.a. blackwing, 10.06.02

Bestandsaufnahme
In den vergangenen Monaten ist auf den Lanparties in Deutschland eine Entwicklung zu sehen, die in zunhemendem Maße nicht mehr tragbar ist:
Aus den Lanparties wurden Leechparties.
Immer mehr Teilnehmer kommen nur noch zum leechen von Filmen, Warez und sonstigen entzückenden Dingen. Diese Entwicklung brachte auch für Veranstalter einige Veränderungen mit sich: Mit einem 100mbit Netz ohne Gigabit-Backbone oder gar einem 10mbit Netz hat ein Veranstalter wenig Chancen, seine Party voll zu bekommen oder auf den Werbeeffekt des Netzwerkes zu setzen.

Obwohl ein solches Netz eindeutig zum Spielen ausreicht. Und auch, um mal grad einen legalen Patch zu ziehen. Denn ob 10 Sekunden oder 30 Sekunden, dass sollte keine Rolle spielen. Erfahrungsgemäß machen viel eher die Server als das Netzwerk schlapp.

Das schlimme daran ist folgendes: Die Mietkosten eines für den Leecher adäquaten Netzwerkes sind dann doch ein wenig höher als der Preis für ein für Spieler ausreichendes Netzwerk.

Doch wie man so oft sagt: Man gibt dem Kunden, was er verlangt.

Nubs und Profis
Allerdings ist auch eine andere Entwicklung zu bemerken: Einige Orga-Teams, wie zuletzt der NullSaftNetz e.V. setzen sich aktiv gegen das Trading ein.
Und was passiert?

Ein Teil der Nutzer zeigt vollkommenes Verständnis für die Entscheidung der Organisatoren, etwas gegen das Trading zu tun. Der andere Teil übt sich in Beschimpfungen gegen die Organisatoren, da diese die "Selbstverständlichkeit" Leeching dann doch mal eindämmen und nicht nur oberflächlich so tun.

Es ist klar, dass man die wirklich leechwilligen Gäste nie am trading hindern kann, da diese meist Erfahrungen aus der Warez-Szene im Internet haben und sich Methoden wie Duping, sFTP oder rsync bedienen die nur sehr schwer zu unterbinden sind.

Aber den Leuten, die nur zum Leechen kommen und (Sorry wenn es sich arrogant anhört) froh sind, dass sie einen Portscanner bedienen können, kann man durch einfachste Methoden ganz gut die Grundlage entziehen.
Und sind wir mal ehrlich: Will die Szene solche Besucher überhaupt?
Bzw. Die Grundfrage ist doch wofür Lanparties da sind: Leechen oder Zocken?

Ansichtssache?
Bei Lanparties kommt im Gegensatz zum Leeching im Internet eine entscheidende Komponente hinzu: Man haftet plötzlich nicht mehr allein für das was man tut, sondern auch die Organisatoren ("Provider") stehen bei stillschweigender Duldung mit einem Fuß im Knast.

Die Meinung bei vielen Besuchern, dass Leeching eine Selbstverständlichkeit sei, ist symthomatisch für ein Unrechts- bzw. Rechtsbewusstsein in Bereich Urheberrecht. Leechen ist weder eine Selbstverständlichkeit, noch ein Kavaliersdelikt oder eine Ordnungswidrigkeit! Das Verbreiten von Urheberrechtlich geschützten Materialien ist ganz zweifelsfrei eine Straftat!

Erstaunlicherweise zeigen sehr viele der Leech-only-Gäste eine tiefgreifende Einsicht, wenn man diese mit der rechtlichen Situation und vor allem der anschließenden Frage: "Würdest DU dafür die Verantwortung übernehmen?" konfrontiert.

Der Orga tut...
Nur was soll man als Organisator den tun, um sich zumindest teilweise abzusichern:
Die Methode der WWCL-Finals oder der DarkBreed - Projekt Unreal mit der Holzhammermethode durch das Sperren von Port 21 das Ziel zu erreichen erscheint mir etwas sagen wir so: Steinzeitmässig.

Über das ungleich aufwendigere "Active Content Scanning" durch das aufsuchen von FTPs mittels Portscanner und durch Suche von Informationen in Foren oder IRC lässt sich eine viel höhere Erfolgsrate erzielen und hat zudem mit den "Sündern" direkt ins Gespräch kommen zu können.

Der Schritt über "Passive Content Scanning" (Sniffing) via Monitoring Ports geht aber für meine Begriffe dann doch etwas zu weit. Und da geben ich einigen Recht: Hier kommt auch das Thema Datenschutz zum Tragen.
Vor allem der Punkt der Zumutbarkeit, denn ein Sniffer der die anfallenden Datenmengen bewältigen kann ist ebenfalls nicht gerade billig und will auch bedient werden können.

Es ist klar, dass es nicht darum gehen kann, eine absolut rechtlich korrekte Sache zu erreichen, aber das wird nach meiner Erfahrung bei Lanparties eh nie möglich sein. Bekannterweise bringt eine gesunde Grauzone eh den meisten Spaß.

...die Hersteller wollen...
Doch in zunehmendem Maße bemerken auch Sponsoren, Vertreterverbände der Softwareindustrie, seien es nun BSA oder GVU, was wirklich auf diesen Lanparties abgeht. Der gerade erst vom Abstrakten weggekommene Begriff "Lanparty" wird sofort durch das Leeching negativ gefärbt.
Als Veranstalter merkt man diese Entwicklung schnell: Sponsoren zu finden wird deutlich schwerer, und das nicht nur durch zunehmende Konkurrenz.

... der Gast erwartet
Das wiederum resultiert, zusammen mit den gestiegenen Mietkosten für Netzwerkkomponenten, in einer, berechtigterweise, erhöhten Erwartungshaltung der Gäste. Weil: Für 30 € kann man ja auch was erwarten.

Der Trend, dass in der Lanszene zur Zeit, wie zuletzt von Hoffi (Lanparty.de) bemerkt, ein Überangebot herrscht und viele Parties nicht mehr voll werden tut ihr übriges. Nicht wenige Veranstalter haben in der letzten Zeit "draufgelegt" oder ganz aufgegeben.

Mittelweg gesucht
Doch wie kommt die Szene raus aus der Leech-Misere? Misere deshalb, weil es, wie sich jeder irgendwann klar wird, dass es eine Frage des Zeitpunktes ist, bis es einen Vorfall ähnlich dem in Dänemark gibt: Razzia.

Die St-Florians-Strategie die zur Zeit verfolgt wird ist irgendwie verblüffend: Mir ist kein Veranstalter einer Lan ab etwa 300 Gästen bekannt, der sich noch nie mit der Warez-Problematik und den Folgen befasst hat. Die Konsequenzen sind vielen bewusst. Doch oftmals fühlt man sich dank der AGBs zu sicher. "Denn in den AGBs steht doch, dass wir für die Daten die übers Netzwerk ausgetauscht werden, nicht haften!"

Doch das Teledienstegesetz oder der Medienstaatsvertrag lassen auch andere Schlüsse zu, auch wenn der Fall der Fälle vor Gericht mit eindeutiger rechtlicher Klärung der Situation Lanparty noch fehlt. Doch selbst wenn diese zwei Punkte wegfallen, ist das stillschweigende Dulden der Urheberrechtsverletzung genau im gleichen Maße strafbar, wie die stillschweigende Duldung jeder anderen Straftat.

Aber meistens wird auf diesen Hinweis ganz lapidar geantwortet: "Uns wird es eh nicht treffen, zumindest nicht als erste."

Risiko und Umdenken
Es ist vollkommen klar, dass angesichts der steigenden Anzahl an Aktionen gegen die Warez-Community (siehe die weltweite Aktion gegen Movie-Sites unter Federführung des FBI im letzten Dezember), einige Veranstalter anfangen doch einmal zu bemerken, welche Folgen diese Problematik haben kann und dass eine Lanparty so zu einem ungleich höheren finanziellen Risiko werden kann.
Diesen Aspekt des finanziellen Risikos könnte man auch auf Bereiche wie Steuerprüfung der Einnahmen einer Lanparty oder die versicherungstechnische Abwicklung eines Großunfalls (z.B. Brand) auf einer Lanparty ausweiten.
Denn auch in diesen Bereichen ist ja nicht alles so ganz korrekt, aber es sind Veränderungen gegenüber 2000 oder 2001 zu bemerken: Immer mehr Veranstalter wandeln sich in teils gemeinnützige Vereine um und schließen gar Unfall- oder Elektronikversicherung für die Veranstaltungen ab.

Zurück zum Thema:
Es bleibt die Frage: Wie verkauft man als Organisator dem Gast, dass man nicht nur stiefmütterlich gegen das als selbstverständlich angesehene und auch so etablierte Leechen vorgeht?

Hierbei gibt es eine Menge an Möglichkeiten:
Die Methode über AGBs ist wie die Realität zeigt 100% nutzlos, denn sind wir mal ehrlich: Wer liest schon die AGBs???
Eine Sperrung des Ports 21 ist wie ein Schuß mit Kanonen auf Spatzen. Allenfalls gutgläubigen Sponsoren lässt sich so etwas als Maßnehme gegen Leeching verkaufen verkaufen. Die Gäste reagieren zu recht mit vollkommener Ablehnung, da man so ja auch die legalen angeboten unterbindet.
Auch das aktiver Durchsuchen des Netzwerks ist nicht die beste Lösung, da der Aufwand riesig ist, vom Sniffing, also dem passiven Suchweg erst garnicht zu reden...
Viel sinnvoller wäre es, Einsicht und Verständnis bei den Besuchern der Veranstaltungen zu erreichen. So schwer das auch sein mag.

Greift die Politik ein?
Fest steht:
Wenn sich in dem Bereich nicht bald von selbst tut, wird wohl durch Druck aus der Softwarebranche eine massive Präsenz der öffentlichen Stellen erzwungen, die Möglicherweise wesentlich einschneidender Ausfallen wird, als wenn die Szene aus sich heraus eine Methode entwickelt mit der Sache umzugehen.

Dies hat sich ja in vielen anderen Bereichen in der Vergangenheit bewiesen.
Ich zumindest habe keinen Spaß oder eine Befriedigung darin, Leechern das Handwerk zu legen, wer mich kennt, weiss wieso. Doch die Notwendigkeit eben dies zu tun besteht, da ich mir mein Leben nicht schon im Alter von 20 Jahren verbauen will und vielen anderen Organisatoren geht es ähnlich.

Resumé
LanPARTIES sollen das bleiben, als was sie entstanden sind: Als ein Treffpunkt von gleichgesinnten Zockern, andere "gestörte" Treffen, Spaß haben, die Leute die man sonst nur aus dem Internet kennt mal live zu sehen.
Um zocken zu können oder sich der technischen Herausforderung der Organisation einer Lanparty zu stellen, teilweise einige 100km Anfahrt in Kauf nehmen und sich die Nächte um die Ohren schlagen.

Denn das Vorgehen gegen Leechern soll nicht, wie einige Böse Zungen behaupten gegen die Lanparties an sich gehen oder die Szene kaputt machen, sondern dafür sorgen, dass der E-Sport auf Dauer salonfähig wird bzw. bleibt.

Sebastian Werner a.k.a. blackwing, 10.06.02